Diesen Beitrag habe ich im November letzten Jahres in meine Kladde geschrieben, in die ich besondere Erlebnisse, was mich beschäftigt, Lebenweisheiten und Gedichte von anderen Menschen und mir festhalte. Ganz sporadisch aber regelmäßig.

Von meinem Blog war zu der Zeit noch keine Rede. Die Blogidee kam eigentlich über die Feiertage Ende 2016 und stammt von der Freundin meines älteren Sohnes. Danke dafür Còcò

 

NOVEMBER 2016

Nun sitze ich im Rollstuhl. Das erste Mal alleine ohne Begleitung. Ja, ich bin aufgeregt, schaffe ich das alleine? Welche Hürden warten auf mich?

Quatsch, zur Not kann ich noch aus dem Rolli aufstehen und kurz schieben. Dankbar sollte ich sein, im 21.Jahrhundert und in diesem Land zu leben und von der Krankenkasse so einen Rollstuhl zur Verfügung gestellt zu bekommen.

Der Rollstuhl, ein Hilfsmittel, er wird mir ab jetzt die Beine ersetzen zumindest außerhalb der eigenen vier Wände.

Der Rollstuhl ist hinten im Auto, ein Berlingo. Der Rolli passt hervorragend in den großen Kofferraum und durch die niedrige Ladekante kann ich ihn auch noch selber rein- und rausheben. Ziel ist, meine Mutter im Krankenhaus zu besuchen. Dieser Ort scheint mir für einen ersten Versuch, alleine mit dem Rollstuhl unterwegs zu sein, angemessen.

Am Krankenhaus angekommen steuere ich einen Behindertenparkplatz an. Kofferraum auf, Rolli raus, Bremsen anziehen und reinsetzen.

Einige verdutzte Blicke mancher Passanten sind mir gewiß; was stört ist aber mein eigenes Gefühl.

Warum muss ich mich jetzt in diese unbequeme Kiste setzen. Ich habe doch vor vielen Jahren laufen gelernt und es gut beherrscht, barfuss, in Schuhen, am Strand, in den Bergen, mit Schlittschuhen und selbst mit Skischuhen, auf Stelzen und auf einem Bein. Zugegebenermaßen nie mit hohen Absätzen.

Ich wusste, dieser Tag würde kommen und hätte mich seelisch und moralich darauf vorbereiten können, sollte man zumindest glauben. Es hat nicht geklappt.

Das bin doch nicht ich,  ich tue mir einfach nur leid.

Dieses spielt sich alles in Bruchteilen von Sekunden ab, ich sitze in meinem Rollstuhl und bin hin- und hergerissen zwischen nicht wollen aber müssen.

Mich hängen lassen und mich einmauern oder mich den neuen Aufgaben stellen, ‚ neu laufen bzw. rollen lernen ‚, damit leben lernen und mir neue Ziele stecken.

Es hilft nichts, ich möchte zu meiner Mutter, soweit laufen kann ich nicht und zum Schieben des Rollis habe ich niemanden dabei.

Kleine Tasche umhängen, Autoschlüssel, Tempo und Handy sollten zumindest griffbereit sein. Der Rucksack mit allem anderen was Frau braucht hängt hinten an den Schiebegriffen. Und los.

Bis zum Haupteingang sind es noch ungefähr 250m.  Ich rollere mich bis auf die Strasse, die zum Eingang führt.

Es ist alles eben, keine Bordsteinkanten und somit ohne Probleme für mich machbar. Huhhhhh, alles gut, …….bis hinter der nächsten Ecke. Die Gerade auf den Haupteingang zu, etwa 150 m, hat eine nicht unerhebliche Steigung.  Das Problem ist nicht nur die Kraftanstrengung für meine Arme, sondern viel mehr, beim Umgreifen der Räder, die Straße nicht wieder nach hinten runter zu rollen.

Im Schneckentempo geht es vorwärts. Nass geschwitzt stehe ich etliche Minuten später vor der Drehtür.

Kurz die Geschwindigkeit der Tür abschätzen und schnell durchrollern.

Jetzt im Krankenhausgebäude ist alles wie erwartet, rollstuhlgerecht. Viele Kranke mit Krücken,  Rollatoren und Rollstühlen sind zu sehen. Ich bin eine von Vielen, das fühlt sich sofort besser an. – Halt, ich wollte nie eine von Vielen sein….. aber,aber,….. jetzt ist scheinbar einiges anders.

Die langen geraden Flure kann ich wie ein Profi befahren. Mit dem Aufzug in die vierte Etage und wieder mit Speed den langen Gang bis zum richtigen Zimmer rollen. Wer sagt es denn, es klappt doch prima. Die schwere Krankenhauszimmertür zu öffnen, halten und mit dem Rollstuhl drum herum manövrieren gestaltet sich dagegen wieder schwer und das in der orthopädischen Abteilung eines Krankenhauses. Man sollte denken, hier, wo solche Hilfsmittel allgegenwärtig sind, würde es positive Beispiele fur eine rollstuhlgerechte Einrichtung geben.

In dem Zimmer angekommen ging gar nichts mehr. Da die Situation fūr die vier Patientinnen in einem kleinen Dreibettzimmer eine riesige Zumutung darstellte, brauche und möchte ich erst gar nicht berichten wie ich mich mit dem Rollstuhl in dem Zimmer bewegen konnte….nämlich gar nicht.

Der Rückweg gestaltete sich ähnlich wie der Hinweg. Um die abschüssige Strasse zu umfahren, wählte ich einen Umweg durch eine kleine Grünfläche. Den Rollstuhl bei dem vorhandenen Gefälle mit den Händen abzubremsen, alleine der Gedanke verursachte mir panische Angst.

Ein paar Wochen vorher bin auf einer abschüssigen Fläche so schnell geworden, dass ich nicht abbremsen konnte, mit einem Rad hängen geblieben bin, rausgefallen und der Rolli hat sich überschlagen. Es passierte, weil meine Mutter den Rolli beim Abwärtsschieben nicht mehr halten konnte und ich mich dann alleine weiterfahrend grenzenlos überschätzt habe. Der Rest ist Geschichte bzw war schmerzhaft, Abschürfungen, Rippenprellungen und der Rollstuhl musste repariert werden.

Vor dem Krankenhaus ist es mittlerweile stockdunkel. Ich muss mit dem Rollstuhl durch den dunklen kleinen Park. Ich fühlte mich nicht besonders gut. Hinter mir hörte ich Stimmen.

Ein Gruppe Erwachsener mit einigen plappernden Kindern, mmmhhhhhh beruhigend, dass ich nicht alleine in dem Park bin.

Vor dem angrenzenden Parkplatz musste ich noch eine Strasse überqueren. Die Bürgesteigabsenkung war so angelegt, dass es mir trotz einiger Versuche nicht gelang die Strasse zu überqueren bzw. die Bordsteinkante runter und auf die Fahrbahn zu kommen.

Die kleinen Lenkräder blieben in der Regenabflussrinne zwischen Bordstein und asphaltierter Strasse hängen. Es ging nicht mehr vor und nicht mehr zurück, die Hinterreifen sind noch oben auf dem Bürgersteig.

Das alles im Stockdunkeln, in einem Rollstuhl ohne jegliche Beleuchtung. Ich war hilflos und hatte Angst. Zum Glück half mir ein junger Mann aus der Menschengruppe, die mich vorher überholt hatte.

Er wunderte sich über den Kraftaufwand, den er schiebend aufwenden musste, um mich mit dem Rollstuhl den Bordstein komplett runter und auf die Strasse zu befördern. – Danke, vielen Dank.

Dann schnell zum Auto, den Rollstuhl wieder verstauen und in gewohntes Terrain.

 

Fazit

Ich muss noch soviel lernen.

Eine professionelle Hilfe in Form von Rollstuhltraining ist unbedingt nötig. Aber woher nehmen, wenn nicht stehlen. Ich wohne auf dem Land und das Angebot ist nicht sehr groß.

 

Eure Elke

 

 

Nachtrag im September 2017

Mein Rollstuhlproblem hat sich nur wenig verbessert. Ich fühle mich deplaziert, komme ganz oft an die Grenzen des Machbaren.  Es liegt bestimmt nicht an meiner Ungeschicklichkeit und an mangelnder Übung oder fehlendem Willen.

Siehe hierzu den Beitrag Handbike.

 




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9 Kommentare zu „Rolli Rendevous

  1. Liebe Elke,
    ich habe richtig mitgeschwitzt, als ich das gerade gelesen habe. Ich habe nach 3 Schulter-OPs kaum Kraft in den Armen und wäre wohl so manches Mal aufgeschmissen, wenn ich auf einen Rollstuhl angewiesen wäre. Ich denke, da muss sich noch einiges tun, um es behinderten Menschen einfacher zu machen!
    LG Reni

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    1. Danke für den leben Tipp, ja ich habe gerade zu meinem Geburtstag welche geschenkt bekommen und es funktioniert wirklich viel besser. Ich hatte vorher auch ein Paar Fahrradhandschuhe, aber die waren viel zu glatt.
      Liebe Grüße
      Elke

      Gefällt 1 Person

  2. Liebe Elke,
    es ist gut, dass du drüber schreibst. Ich kann mir vorstellen, dass man an viele Grenzen gerät, wenn man im Rollstuhl sitzt und dass ein Ausflug allein sehr anstrengend ist. Selbst als Begleiter, der einen Rolli schiebt, tun sich Grenzen auf, die nicht zu überwinden sind. Ich wünschte, dass die Stadtplaner das besser im Griff haben und berücksichtigen!
    Herzliche Grüße
    Regina

    Gefällt 1 Person

  3. Vielen Dank liebe Elke. Das du uns immer wieder ungeschönt zeigst wie wenig die Welt doch gemacht ist für Menschen mit Behinderungen, Einschränkungen und ältere Personen. Im Idealfall sollte man erwachsen, gesund, mittleren Alters und normal gebaut sein. Aber wer (in Zahlen), kann sich schon dazu zählen und vor allem wie lange?

    Gefällt 1 Person

    1. Danke liebe Nati für deinen lieben Kommentar. Wie beschwerlich ist es für Menschen in anderen nicht im Soziahsystem so hochentwickten Ländern. Es hapert hier auch häufig an stadtplanerischen und architektonischen Begebenheiten, in der Richtung muss noch sehr viel passieren.
      Fühle dich gegrüßt
      Elke

      Gefällt 1 Person

  4. Es gefällt mir, dass du so offen darüber redest, liebe Elke, daher ein ‚like‘ . Und ich bewundere dich dafür, dass du nicht aufgibst und trotz deiner Behinderung versuchst, dein Leben zu meistern.
    Lass dich nicht unterkriegen!

    LG Anna-Lena

    Gefällt 3 Personen

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