Mit meiner Bilanz, seit 21 Jahre von einer Autoimmunerkrankung begleitet zu werden, könnte sich, so sollte man meinen, der Blick auf Krankheit, etwas relativiert haben.

Ich meine damit, eigentlich müsste ich einen entspannteren Umgang damit pflegen.

Die ersten Jahren nach der Diagnose, mit Mitte 30, war ich auf weiter Flur der einzige Mensch mit einer chronischen Erkrankung und folglich mit ständig neuen Einschränkungen und Schmerzen.

Trotzdem gehörte ich nie zu den Menschen, die mit ihrem Schicksal gehadert haben und die sich ständig gefragt haben, warum gerade ich.

Gelitten habe ich mehr unter der fehlenden Empathie meiner Umwelt bzw. deren ständigen Zweifel an meinem vorübergehenden schlechten Gesundheitszustand, weil Sie zum einen keine Informationen über die Erkrankung hatten und wollten und zum anderen passte mein Aussehen nicht in das klassische Bild eines kranken Menschen.

Im näheren Umfeld habe ich diesen Zustand als Missstand empfunden und fühlte mich dadurch oft isoliert und unverstanden.

Als relativ robuster und eigenständiger Mensch habe ich dies jedoch immer versucht, soweit wie möglich von mir weg zu schieben. Zudem hatte ich meine Kinder, meinen Mann, Eltern und gute Freunde, die mich genommen haben wie ich bin und zudem einen anspruchsvollen Job, der mich gefordert hat.

Jetzt sind einige Jahre ins Land gezogen und an der vorgenannten Lebenssituation hat sich einiges geändert.

Ich bin berentet, der Mann hat mich verlassen, die Kinder sind erwachsen, mein Vater ist verstorben und die besten Freunde waren leider wie der Mann, nicht für gute und schlechte Zeiten.

Somit eigentlich alles im Rahmen des Normalen.

Belastend ist letztendlich der Fortschritt der Erkrankung und der herbe finanzielle Einschnitt. Zudem vermisse ich meinen Vater immer noch täglich und auch meine Söhne. Ich habe meinen Kindern und auch meiner Mutter gegenüber immer ein schlechtes Gewissen, weil ich Ihnen ständig Sorgen mache und natürlich auch aufgrund diverser, mittlerweile angeeigneter Schrullen, häufig nerve und Sie auch verärgere. Ja, ich glaube, schon schwierig geworden zu sein

Geändert hat sich jedoch auch, dass nicht nur ich älter geworden bin, sondern auch mein Umfeld. Somit werden um mich herum immer mehr Menschen krank.

Merkwürdigerweise trifft mich das immer wieder ganz stark und jedesmal brauche ich Tage um mich zu beruhigen und nicht übermaßen mitzuleiden.

Auch bei denen, die für mich eher weniger Verständnis gezeigt haben oder auch die, die mir gar nicht so nah sind. …. Was ist das nur für ein merkwürdiges Verhalten, warum setzte ich nach sovielen Jahren mit eigener Erkrankung nicht langsam etwas Hornhaut an, zumindest wenn es um andere kranke Menschen geht?

In der letzten Woche habe ich von der plötzlichen Erkrankung meines früheren Schwagers erfahren. Es geht mir seidem nicht mehr aus dem Kopf und ich durchspiele soviele Zenarien auch in Bezug auf seine Familie. Ich träume von Ihm und seiner Familie.

Warum?

Ich habe seit fast 10 Jahren keinen Kontakt mehr, ja ich habe Ihn immer sehr gemocht aber ich denke trotz allem ist meine Reaktion doch eher ungewöhnlich aber auch keine Ausnahme für mich.

Wie kann ich mit meiner persönlichen Situation so sachlich manchmal sogar abgeklärt umgehen und wenn andere, eher entfernte Bekannte erkranken so überreagieren.

Als Kind1 im letzten Jahr von einem Auto angefahren wurde, bin ich verständlicher Weise verrückt vor Angst geworden, dasselbe als meine Mutter schwer erkrankt ist und auch als Herzmensch seine Krebsdiagnose bekommen hat. Nach solchen Situationen muss ich verstärkt darauf achten, nicht selber wieder gesundheitlich einzuknicken.

Bei jedoch nicht so nahstehenden Menschen sollte ich demnächst emotional etwas mehr Abstand halten, wenn Sie erkranken und versuchen meiner Gesundheit zuliebe ein ausgewogenes emotionales Gefühlsleben zu erhalten.

Ich wünsche euch eine schöne Zeit

eure Elke

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27 Kommentare zu „Emphatie

  1. Liebe Elke,

    trotz all des Unerfreulichen, hast du den Mut und die Freude im Leben nicht verloren. Auch bist du nicht verbittert, sondern es gelingt dir immer wieder, einfach das Beste aus den Umständen zu machen. Du siehst das Leben aus einem anderen Blickwinkel als all jene Menschen, die nicht selber von einer Krankheit betroffen sind. Aus eigener Erfahrung weißt du, was dies wirklich bedeutet, eingeschränkt und abhängig zu sein. Mitgefühl setzt ja voraus, dass man sich in die Situation des anderen Menschen hinein versetzen kann. Denn wir sehen ja meist nur die Hülle und nicht was in deren Innersten abgeht. Viele Menschen sind voller Angst, etwas falsch zu machen. Oft sehen sie den Anderen gar nicht wirklich an, hören nicht zu, sind in ihrem Kopf ganz woanders, meist auf der Flucht vor den Folgen der eigenen Entscheidungen. Sie haben so viel mit sich selbst zu tun, dass da kein Raum mehr für den Anderen bleibt, oder gar für Mitgefühl.

    Ich stell mir gerade vor, wie es so einen „gesunden“ Menschen erschüttern kann, wenn jemand wie du, der aus der Sicht des Anderen bemitleidenswert ist, Mitgefühl mit ihm hat. Eventuell nur still mitweint, um den Stau im Verstehen des Anderen, mit aufzulösen. Wahrscheinlich hast du eine derartige Erfahrung schon gemacht. Darin ist mehr Kraft zur Heilung verborgen, als in jedem Wort.

    Es ist ungeheuerlich, wie jung es dich getroffen hat. Nach dem Lesen deiner Geschichte, kam mir die Bibel und das Leben des Hiob darin in den Sinn. Diese fand einen wohlgefälligen Abschluss. Möge es bei dir ebenso sein.

    Du hast Mitgefühl, bist kreativ, herzlich und naturverbunden, dein Geist ist flink und der Schatz deiner Erfahrungen groß. Du hast Kinder, die du liebst und die auch dich lieben. Der Preis für die Kinder war jener Schmerz, den dein Mann dir besorgt hat. Worauf ich damit hinweisen möchte ist, dass du etwas bekommen hast, was für dich wichtiger und unschätzbar mehr Wert darstellt, als jenes – was der Preis war.
    Nun hast du diese Krankheit. Sie hat dich sehr viel gekostet, materiell, ideell, Hoffnungen, Träume, doch nicht menschlich. Als Mensch hat sie dich nicht ärmer gemacht, genau erinnert – sogar reicher. Auch dafür umarme ich dich an dieser Stelle mit aller Freude, Herzlichkeit und auch Gewissheit, dass der Preis noch nicht abgegolten ist. Denn das Leben ist niemals fertig mit einem Menschen, solange es dieser in sich – nicht mit dem Leben ist.

    Fühlbare Grüße * Luxus

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    1. Ich sende dir ganz viele liebe Gedanken und Wünsche.
      Bedanken möchte ich mich für die unglaublich umfassende und positive Einschätzung des Ganzen, die mich direkt etwas stolz werden lässt.
      Aber keine Angst ich schnappe jetzt nicht über, es tut einfach nur gut.
      Herzlichst Elke

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  2. Liebe Elke,
    wenn uns das Schicksal anderer Menschen nicht mehr nahe geht, was ist das für eine Welt?

    Mir sind Menschen, wie Du Dein Mitfühlen schilderst, viel lieber, als angeblich oder tatsächlich „coole“ Personen, die nichts mehr rühren kann, außer ihr eigenes Mitleid. Wenn aber die Empathie zu sehr zum Mit-Leiden wird, dann ist es gut, etwas gegenzusteuern. Vielleicht hast Du ja Menschen, mit denen Du persönlich darüber reden kannst. Das kann weiterhelfen.

    Wenn einer der Eltern sich aus dem Staub macht und sich überhaupt nicht mehr kümmert, hinterlässt das bei den Kindern Wunden. Du warst aber weiterhin mit Deinen Kindern eine vollwertige Familie. Und wenn Du nicht alles falsch gemacht hast, können sie daraus sehr viel Wertvolles für ihr eigenes Leben mitnehmen.

    Ich wünsche Dir alles Gute und möglichst bald wärmere Zeiten, damit Du wieder draußen herumkurven kannst!
    Lieben Gruß, Michael

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    1. Ich danke, dir lieber Michael, für deine mitfühlenden Worte.
      Ja du hast vollkommen Recht, ich bin auch glücklich, dass meine Kinder sehr emphatische Menschen geworden sind.

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    2. Sie sind es auch, die mich manchmal wieder ‚ runterholen ‚ wenn ich mir das Schicksal andere Menschen zu sehr zu Herzen nehme. Sie haben ganz klar das bessere Maß .
      Ich wünsche Dir alles Liebe

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  3. an Zoé, la Française:
    Du hast Recht. Aber ich würde das gerne noch etwas erweitern: es gibt auch Frauen, die sich vor der Verantwortung davonstehlen. Das ist mir passiert. Und dann war ich mit vier Kindern alleinerziehend …

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    1. Lieber Michael, es ist für mich unvorstellbar, egal ob Mutter oder Vater, wie so etwas möglich ist.
      Hut ab, mit vier Kindern als Alleinerziehender, das ist eine Hausnummer. Ich hoffe ihr Fünf wuppt das gemeinschaftlich.

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  4. „Ja, ich glaube, schon schwierig geworden zu sein“
    ja, mir bricht auch grad mal wieder so einiges zusammen, bzw. geht mir dermassen gegen den strich; nahezu ungewohnt, wie die seuche MS mit dem hirn rumm8! 😦

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    1. Ach lieber Toby, was soll ich sagen, da helfen keine tröstenden Worte, ich kann dir, uns nur wünschen, dass, ja, was? Mut, Durchhaltevermögen, nein ich glaube jemanden der uns braucht und der für uns da ist.
      Alles Liebe
      Elke

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    1. Er ist aus seiner Kur nicht zurückgekommen. Dort hat er angeblich eine andere Frau kennengelernt.
      Ich weiß, dass er diese Frau schon lange vorher kontaktiert hat.
      Da wir, die Kinder und ich, nie die Wahrheit von Ihm gehört haben und er die vor lauter Selbstmitleid selber nicht kennt, können wir nur mutmaßen.
      Fakt ist, er ist ein Mensch der nicht zu seiner Verantwortung steht, vor allem nicht zu seinen Kindern. Und bei mir tritt er ständig nach, dann höre ich nach Jahren über seine Anwältin, ich sei gesund und plötzlich reich. Es ist einfach nur grausam.

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    2. Ja, es waren sehr schlimme Jahre. Ich weiß auch nicht inwieweit die Kinder diesen riesigen Betrug an ihr Vertrauen in die Eltern, jemals verarbeiten werden.
      Ich denke, Sie sind dadurch schon für den Rest Ihres Lebens negativ geprägt.
      Das ist für mich das allerschlimmste.
      Ich habe diesen Mann irgendwann freiwillig geheiratet, die Kinder konnten sich Ihren Vater jedoch nicht aussuchen.
      Ich bewundere Partner die sich fair trennen und vor allem weiterhin liebende und ehrliche Väter bleiben.

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  5. Hallo Elke.
    Jeder Mensch verfügt über mehr oder weniger Empathie.
    Man kann es sich nicht aussuchen oder beschließen.
    Man muss es akzeptieren wenn andere nicht so empfinden wie man selbst.
    Bei manchen ist es aber auch die Angst etwas falsch zu machen oder zu sagen.
    LG, Nati

    Gefällt 3 Personen

    1. Da hast du recht. Aber was man nicht fühlt kann man auch nicht erarbeiten.
      Ich denke manche sind damit gesegnet und manche eben nicht.
      Obwohl ich es persönlich nicht immer so einfach finde wenn man viel Empathie besitzt.

      Gefällt 1 Person

  6. Nein- du führst kein leichtes Leben. Wahrlich kein Zuckerschlecken, selbst krank zu sein, ich glaub ich versteh das.
    Ich wünsche dir ganz viel Kraft. Ich für mich (auch getrennt lebende) geben meine 3 Kinder sehr viel Kraft, ich bin sehr dankbar dass ich sie hab.
    Gute Nacht
    Ellen

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  7. Liebe Elke,
    ich kann das nachempfinden. Wir, die wir selber chronisch krank sind, sind doch häufig auf andere angewiesen. Wenn diese Menschen dann selber krank werden, sind auch wir indirekt davon betroffen. Vielleicht geht dir das dann deshalb so nah?

    Gefällt 2 Personen

    1. Liebe Katrin, ja natürlich spielt das eine Rolle. Ich reagiere aber leider immer so, selbst bei Menschen zu denen ich keinen Kontakt mehr habe. Es ist einfach eine enorme Leidensbereitschaft vorhanden.
      Liebe Grüße
      Elke

      Gefällt 1 Person

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